Mensch und Stadt in Bewegung

22. Bundesweiter Umwelt- und Verkehrskongress (BUVKO)

15.-17.3.2019 in Darmstadt

An diesem regnerischen Frühlingswochenende hatten sich 400 interessierte Laien, Praktiker*innen und Wissenschaftler*innen aus der gesamten Republik, darunter viele Grüne, in der Hochschule Darmstadt versammelt, um zu dem Motto „Mensch und Stadt in Bewegung“ Vorträge von Fachleuten zu hören, an Exkursionen und Arbeitsgruppen teilzunehmen und im Plenum und bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu diskutieren, wie eine nachhaltige Mobilität zu erreichen ist.

Motivierend zu erleben, dass sich alle in der Zielsetzung absolut einig waren, ob sie nun aus Bremen oder Landshut, aus Magdeburg oder Stuttgart kamen. Beim Plenum am Samstag fielen interessante Stichworte, wie der Aktionstag des guten Lebens in Köln und Mahnwachen für getötete Fussgänger und Radfahrer in Berlin. Und der Verkehrsguru Professor Monheim prognostizierte aus dem Publikum heraus: „Breite Straßen und Parkplätze sind die Wohnflächen der Zukunft!“

In seinem Vortrag entwickelte Harry Lehmann vom Umweltbundesamt seine Vision für eine Stadt von morgen. Es geht letztendlich um die Frage nach dem Lebensstil. Das Problem ist, dass zur Zeit gleichzeitig ökologische und soziale Fragen gelöst werden müssen und die Zukunft gestaltet. Und die Tendenz, sich mit immer neuen Studien wissenschaftlich absichern zu wollen. Lehmann sieht kein Erkenntnisdefizit, sondern ein Handlungsdefizit: „Die Ziele sind richtig, aber wir sind zu langsam!“

Die Stadtplanerin Cordelia Polinna stellte die Verkehrswende aus städtebaulicher Sicht dar. Technische Lösungen reichen nicht aus, die autogerechte Stadt muss umgebaut und so ein Zugewinn an Lebensqualität erreicht werden. Die Flächenkonkurrenzen nehmen zu: Wohnen, Mobilität, neue Nutzungswünsche für den öffentlichen Raum, wobei der postfossile Stadtumbau große Flächen freisetzen kann. Eine besondere Herausforderung ist es, sowohl in den Gewerbegebieten wie auch in der äußeren Stadt Aufenthaltsqualität zu schaffen. Ebenso zu verhindern, dass durch „brutal digital“, also die zunehmende Bestell- und Lieferpraxis, die Innenstädte veröden und die Lieferlogistik den Verkehr dominiert. Aktionstage und Bürgerbeteiligung sind elementar wichtig.

Dem schloss sich Denis Petri aus Berlin an, wo es seit 2018 bundesweit das
1. Mobilitätsgesetz gibt. Es geht um die Umverteilung des öffentlichen Raums, in dem Fussgänger*innen, Radfahrer*innen und Nutzer*innen des ÖPNV mehr Platz zugestanden werden muss, letztendlich eine Frage der Macht. Für die Verkehrswende sollte die Macht der Bilder, der Zahlen, der Medien genutzt werden. Und bedacht werden, wem sie zugute kommen soll: all ages, all genders, all abilities. Wesentlich ist es, Bündnisse zu schmieden über unsere eigene Blase hinaus mit mächtigen gesellschaftlichen Gruppen wie den Kirchen und den Gewerkschaften. Sein Schlusswort kann man ohne Weiteres auf die Tagespolitik übertragen: „Wer etwas erreichen will, findet Wege, wer etwas verhindern will, findet Gründe!“

Dieser professionell organisierte und von vielen Seiten geförderte Kongress war eine gute Gelegenheit dazuzulernen, sich auszutauschen und über den Tellerrand hinauszusehen. Die Teilnahme hat sich gelohnt.

Bericht und Fotos: Edeltraud Bell

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